Ökologischer Weinbau und Artenvielfalt

„Ihr seid verrückt!“ das war der Tenor, als wir Anfang 2016 unsere Absicht kundtaten, uns im September für den kontrolliert ökologischen Weinbau anzumelden. Erst nach einer drei(!)jährigen Umstellungsphase, in der bereits 100%ig und regelmäßig von unabhängiger Stelle überwacht, nach den strengen ökologischen Richtlinien des Bundesverbandes ECOVIN gewirtschaftet wird, darf man sich als kontrolliert ökologisches Weingut bezeichnen.

„Gipfeln“, in der Quererziehung

Die Vegetationsperiode, besonders das nasse Frühjahr, gab den Skeptikern dann auch noch ordentlich Futter: durch einen vernichtenden Hagel am 27. Mai blieb uns zwar die Problematik der Peronosporainfektionen erspart, aber wir verfolgten doch, wie unsere zukünftigen Kollegen, die Ökowinzer mit ihrem eingeschränkten Pflanzenschutzarsenal, auf Grund des massiven Pilzbefalls in teilweise existenzgefährdende Krisen schlitterten. Hatten wir die falsche Entscheidung getroffen?

Nein – unsere Entscheidung für den kontrolliert ökologischen Weinbau war wohl überlegt und hatte sozusagen eine 25jährige Vorlaufzeit. Über all diese Zeit haben wir im Steilhang gearbeitet, beobachtet und abgewogen, Pflanzenschutzmittel genutzt und wieder verworfen, mit der ökologischen Wirtschaftsweise geliebäugelt und mit Bedacht angenähert. Doch den letzten Schritt haben wir gescheut.

Dabei hatten unsere Beobachtungen ergeben, dass z.B. unser Verzicht auf jegliches Insektizid in unseren Weinbergen verblüffender Weise keinen massenhaften Ernteausfall durch Traubenwickler zur Folge hatte. Im Gegenteil. In den Anfangsjahren nach der Flurbereinigung im Jahr 1996 gab es durchaus noch einige Jahre, in denen in einzelnen Parzellen Sauerwurmbefall einen höheren Fäulnisanteil der Trauben bewirkte. Aber für die letzten 15 Jahre können wir feststellen, dass die gefürchtete zweite Raupengeneration des Traubenwicklers zwar noch vorhanden ist, aber wirtschaftlich keinen Schaden mehr angerichtet hat. Das ausgewogene Nützlings-Schädlings-Verhältnis in unseren Weinbergen ist eine plausible Erklärung.

Thomas mit der Motorsense

Eine ganz wichtige Entscheidungshilfe zum ökologischen Wechsel brachte schließlich unsere Ausbildung zum Naturerlebnisbegleiter in 2015. Im 80stündigen Seminar lernten wir (welche Binsenweisheit!), dass alles mit allem zusammenhängt. Was gemeint ist, wenn man vom natürlichen Gleichgewicht spricht. Dass dieses Gleichgewicht nicht statisch ist, sondern dynamisch und ständigen Veränderungen unterworfen. Dass jeder Eingriff in dieses „chaotische“ System Folgen hat und dem in der Kulturlandschaft Arbeitenden bestimmte Verhaltensweisen vorgibt. Ökologie ist die Wissenschaft der Beziehung der Lebewesen untereinander und zu ihrer unbelebten Umwelt. Diese Beziehungen und Abhängigkeiten zu respektieren, kennzeichnet ökologisches Wirtschaften.

Weinbergsökologie!

Und wir lernten noch etwas: unsere Heimatregion, die Terrassenmosel, ist ein wahres Paradies, einer der Artenvielfaltsbrennpunkte in Mitteleuropa! Über zehntausende, ja, hunderttausende von Jahren haben die verschiedensten Klimaabfolgen ihre Spuren in dieser kleinen Region hinterlassen. Aus dem Süden ist über die burgundische Pforte und die Flusstäler von Rhein und Mosel eine mediterran geprägte Tier- und Pflanzenwelt eingewandert – und geblieben. Aus dem alpinen und skandinavischen Raum sind Tier- und Pflanzenspezialisten vor den anrückenden Eismassen der letzten Eiszeit bis hierher ausgewichen – und geblieben. Nacheiszeitlich haben sich markante Vertreter von Flora und Fauna der Steppenvegetation der russischen und kasachischen Steppe, dem Lauf der Donau folgend, hier in Inselvorkommen etabliert. Heute herrscht vorwiegend ein WestSüdWestwind geprägtes, maritimes Großklima vor, das wiederum ganz anderen Arten Lebensraum verschafft. Alle haben hier bei uns Heimat gefunden und repräsentieren in der Tat einen Artenreichtum, der seinesgleichen sucht! Diese Artenvielfalt ist in Gefahr, wenn Insektizide und Herbizide eingesetzt werden.

Nach all diesen Erkenntnissen haben wir uns dann schlussendlich die Gretchenfrage des Winzers gestellt: „Sag, wie hältst Du´s mit dem ökologischen Weinbau?“ Die Antwort fiel wie oben geschildert aus und lässt sich in einer (durchaus noch unvollständigen) Anleitung zusammenfassen:

  • Wir, die Traubenhüter Thomas und Magdalena, gewinnen mit und aus der Natur Weine, die Rebsorten- und Herkunftsgeprägt Lebensfreude und Lebensqualität bescheren und in hohem Maße authentisch sind, im Sinne von glaubwürdig und echt.
  • Dieser jedes Jahr auf´s Neue formulierte, besondere Anspruch verlangt von uns ein hohes Maß an körperlicher und von Hand ausgeführter Arbeit. Nach den in den letzten Jahren immer wieder von uns in Traubenzone und dem Gipfellaub gefundenen, gut bestückten Vogelnestern, kommt z.B. ein maschinelles Entblättern und Laubschneiden für uns nicht in Frage.
  • Es bedeutet weiterhin ein genaues Beobachten der Vegetationsverhältnisse in den Weinbergen und damit eine Präsenz des Winzers in seinen Anlagen. Meteorologische Messstationen unterstützen ihn bei seinen Entscheidungen.

    Stroh verteilen
  • Der Boden ist des Winzers wertvollstes Kapital! Ihn gesund erhalten ist oberstes Ziel. Flache Bodenbearbeitung zur Erhaltung seiner lockeren Struktur ist nicht tabu. Behutsame Humuszufuhr im mehrjährigen, regelmäßigen Turnus, bevorzugt als Abdeckung in Form von Stroh.
  • Natürliche, standorttypische und blühende Begleitflora wird im Zeilenbereich ausdrücklich gefördert. Im Unterstockbereich wird mit Stroh abgedeckt oder mechanisch freigehalten.
  • Pflanzenschutz betreiben wir mit den nach ökologischen Richtlinien zugelassenen Mitteln.
Gefiederte Untermier

 

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